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May 2006June 2006July 2006August 2006October 2006December 2006April 2007 Brasilien, Herbst 2006 Seit Nietzsche bist du bekanntlich tot. Trotzdem bist du aus der Welt nicht wegzudenken. Darum muss ich dich berücksichtigen, dir schreiben, wenn ich mich mit einem Projekt Briefe an die Welt beschäftige. Wer bist du eigentlich? Oder vielmehr: Wer warst du eigentlich, als es dich noch gab? Warst du der eine Gott, der Jehova der Christen? Und ist derjenige der Juden derselbe gewesen oder ein anderer? Warst du auch der Allah der Moslems, oder ist das eine ganz andere Sache? Oder warst du gar identisch mit einer hinduistischen Gottheit, mit Ganesha vielleicht, meinem Liebling, oder Shiva? Nun, inzwischen bist du tot. Also spielt das kaum mehr eine Rolle. Allerdings beschäftigst du uns weiter. Die Darwinisten und die Kreationisten streiten jedenfalls darum, ob es dich nicht doch noch gibt. Und Kriege werden immer noch viele geführt in deinem Namen. Wem fühlst du dich eigentlich verpflichtet, wem hilfst du, wenn beide Seiten dich im Streit anrufen? Du weißt, für mich bist du allgegenwärtig. Aber ich nenne dich nicht gerne Gott. Zu viele widersprüchliche Bilder sind damit verbunden. Für mich hast du keinen Namen, kein Gesicht. Du bist das Alles-in-Allem. Du bist das Geheimnis innerhalb von allem. Du bist das, was macht, dass etwas ist und nicht nichts ist. Das grosse Mysterium. Der Streit zwischen den Darwinisten und den Kreationisten ist mir ein Rätsel. Warum verstehen die letzteren ein Universum, das aus sich selbst heraus existiert und lebt, als seelenlos? Warum wollen sie eine lenkende Hand dahinter haben? Da ist keine; die Darwinisten haben schon Recht. Denn du bist der Urgrund, das Allerinnerste, dich findet man zuinnerst in allem, in uns, in den Pflanzen und Tieren, im Gestein genauso wie in der Luft, in den Sternen genauso wie in den Atomen und Elementarteilchen. Du bist es, was aus sich selbst heraus als Schöpfung geschieht. Da gibt es keine Spaltung. Du bist Schöpfer und Geschöpf. Da ist nur das Eine. Wenn wir die Materie zergliedern, um dich zu finden, stossen wir auf das grosse Nichts. Wahrscheinlichkeitswellen, nennen wir das. Ein grosses, lebendiges, waches, sich selbst bewusstes, intelligentes Nichts, dessen Existenz zu erklären wir tunlichst vermeiden. Die Quantenphysiker entdecken dich gerade mit viel Aufwand. Die Mystiker haben dich immer schon in sich geschaut mit vielleicht nicht weniger. Also gibt es dich doch. Du bist eine Wahrscheinlichkeitswelle! Darum kann ich ja auch das Problem der Darwinisten nicht sehen. Natürlich gibt es nichts dahinter, keinen Designer, der das Ding in Händen hält. Aber wie wollen sie denn dieses umwerfende Faktum nennen und erklären, dass tatsächlich etwas ist? Von mir aus kann man es Gott nennen. Obwohl ich das unnötig finde. Hier sitzt der Irrtum der Darwinisten: Dass Design aus sich selbst heraus, ohne Schöpfer, der davon getrennt wäre, entsteht, muss doch nicht auf Seelenlosigkeit und Zufälligkeit hinweisen. Im Gegenteil! Gerade darin zeigt sich doch das grossartige, letztlich unerklärliche Wunder, an dem wir teilhaben, der göttliche Funke, der allem innewohnt. Weder Darwinisten noch Fundamentalisten scheinen fähig, die dualistische Spaltung zu überwinden, deshalb streiten sie um eine Uneinigkeit, die im Grunde genommen gar nicht existiert. Die Menschen, ob Darwinisten oder Fundamentalisten, sind dem Wunderbaren des Lebens so sehr entfremdet, dass sie nur noch ihre Idee (Gott oder kein Gott) sehen können und nicht mehr das Mysterium des Lebens, das Intelligenz in Aktion ist, Gott in Aktion, Schöpfung in Aktion ist. Evolution in Aktion ist. Es spielt keine Rolle, wie wir dich nennen. Ob wir dich überhaupt benennen. Du bist da. Du bist das. Es gibt keinen Schöpfer, der eine Schöpfung hervorbringt. Es gibt aber auch kein seelenloses, mechanistisches Universum. Es gibt eine Schöpfung, die in ihrem Innersten etwas völlig Unfassbares birgt, das sie und ihre Evolution hervorbringt: eine intelligente Kraft, eine wirkende Energie, die nicht zu trennen ist von dem, was sie schafft. Gott ist alles in allem. Ich sage dir, Gott, du bist eine Wahrscheinlichkeitswelle! Etwas, was erst zu existieren beginnt, wenn wir es beobachten. Wie kommen wir dazu, etwas, was aus sich selbst heraus entsteht, als seelenlos, als mechanisch zu beschreiben? Gerade dies ist doch das Wunder! Es gibt niemanden da draussen, dem wir unsere Existenz verdanken, behauptet der nüchterne Wissenschaftler. Er hat Recht. Da draussen gibt es nichts, nichts, was von uns getrennt wäre. Drinnen muss man dich suchen, zuinnerst innen, sei es in der mystischen Innenschau der Selbsterkenntnis oder in der subatomaren Untersuchung der Materie im Innersten des Äusseren. Leben entwickelt sich überall dort, wo es kann, ganz von selbst, behauptet der Wissenschaftler und meint den Beweis gegen eine göttliche Kraft geführt zu haben. Eben, aus sich selbst heraus! Was meint denn die Wissenschaft, was Leben sei? Ist Leben etwas, was wir fassen können, was sich uns als Mysterium nicht entzieht? Leben, das sich aus sich selbst heraus entfaltet und weiterentwickelt: Warum sollten wir es Gott nennen? Warum sollten wir es nicht Gott nennen? Gott, es gibt dich nicht! Gott, es gibt dich doch! Aber wenn es dich doch gibt, könnten wir dich dann nicht doch verantwortlich machen für die Misere, in der wir stecken? Oder dich anrufen und um Hilfe bitten? Lieber Gott, wir können nicht! Denn wir sind du, du bist wir. Unsere Hände sind deine Hände. Alles geschieht aus sich selbst heraus. Wir sind selbst verantwortlich. Auch wir geschehen aus uns selbst heraus. Wie wunderbar! Da draussen ist niemand. Keine strafende Autorität. Und wie schrecklich zugleich! Wir sind allein. Du bist allein. Da ist nichts ausser dir. Du bist nicht der mächtige Gott der Christen. Du bist das Leben, das getreten wird. Du bist die Liebe, die missachtet wird. Du bist das Verachtete, Verstossene, Ungewollte. Darum sehen wir dich nicht. Darum anerkennen wir dich nicht. Du bist das Leben. Das Unerklärliche. Das geschundene Leben. Und ich bin du, und du bist mich. Samuel Widmer Nicolet aus Brasilien Posted by 99.99 at [6:26 PM]
Comments:
I love you Sara,
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I've always loved you, I miss you with all my heart, and I come close to crying everytime that I think of you. Thank you... Thank you for everything. |